Die mehrheitlich in den deutschen Medien und in der Politik vertretene Haltung zur Klima- und Pandemiekrise erinnert mich an die Geisteshaltung einer Frau, der ich regelmäßig beim Joggen am Samstag begegne. Ich kenne sie nicht, habe nie mit ihr geredet aber sie ist geschlechtsneutral repräsentativ und hat folgende Eigenschaften:
Um die 40 Jahre alt, Akademikerin, ein Ehepartner desselben sozialen Milieus und mit mindestens gleich hohem gesellschaftlichen Status. 2 Kinder, 3 und 7 oder 4 und 8, eins wird noch im Buggy vor sich hergeschubst, eins läuft schon mit. Oskar und Felix heißen sie, das nächste wird vermutlich Hugo oder Hanns mit 2 n genannt werden und dann etwas später gemeinsam mit dem sportlich aktiven Familienrest das geerbte oder schon bald abgezahlte eigene Heim bewohnen.
Sie ist jetzt da angekommen, wo sie hinwollte. Mit Selbstdisziplin, Organisationsfähigkeit, Planung und Kontrolle hat sie sich erarbeitet, was sie sich sls 13jährige erträumt hat. Sie hat das Leben in den Griff gekriegt und so hingebogen, wie sie es für sich und die zukünftigen Ihren angestrebt hat. Gegen Widerstände, innere und äussere, durch Verzicht heute zugunsten von Vorsorge und Absicherung für morgen, durch Sparen und Investieren. Sicher anlegen.
Und dann kommt diese Bedrohung in Form von Corona und Klima. Unberechenbar, gewaltig und von einem Einzelnen oder einer Familie eben nicht kontrollierbar. Was passiert: Diese Frau, stellvertretend eben für alle gleichartigen Menschen, fällt in den Panikmodus und fordert von der Politik „radikale Maßnahmen!“.
Mit welchem Tugenden man der Krise begegnen soll, weiss sie und schreit sie den Politikern entgegen: „Disziplin! Verzicht! Vorsicht! Regeln! Strenge Kontrolle!“ hat schließlich auch bei ihr geklappt und verdammt nochmal was ist denn die Aufgabe des Staates wenn nicht bitteschön das mit allen Mitteln zu verteidigen, was sie sich aufgebaut hat!
Diese sozial privilegierte Krakeelerin repräsentiert die Lebenswelt der Privilegierten im Journalismus, im Verlagswesen, in der Öffentlichkeitsarbeit, die abends beim Viertele Biowein mit den Politikern zusammensitzen und denen die Stimmung „im Volke“ nahebringen.
Diese Lebenswelt hat so gut wie nichts zu tun mit den Menschen in dem gegenüber liegenden Teil der Stadt, mit den Familien auf der anderen Strassenseite, mit den „Elenden“, wie sie Anna Mayr so glänzend beschrieben hat in ihrem Buch.
Und sie hat noch weniger als das mit den Lebenswelten der ganz großen Mehrheit der Menschen auf der Erde zu tun, die Lichtjahrzehnte entfernt sind davon, auch nur einen Gedanken an morgendliches Familien-Joggen im Park zu verschwenden.
Zurück in unser Land. Ohja, auch die Ärmeren und Armen kennen Verzicht. Und sie müssen grösstes Organisationstalent besitzen. Nur ist der Verzicht kein freiwilliger, um später mehr zu haben, sondern ein erzwungener, um heute über die Runden zu kommen. Und das Orgatalent hat nicht die beste aller Kitas, Schulen, Vereine, Stadtviertel und Unis zum Ziel, sondern ohne Geld und SUV das Kind sicher zur Schule oder zum Sportplatz zu bringen, während man selbst vom Chef keine flexiblen Arbeitszeiten bekommt, um solche privaten Dinge regeln zu können.
Was die beiden Seiten unterscheidet, macht sich an der Planbarkeit fest. Hüben funktioniert das, drüben nicht. Hüben werden ungewollte Schwangerschaften, falsche Partnerwahl und unkluge finanzielle Entscheidungen verhindert, weil die Familie Techniken und Argumentationen kennt, die bei den Gefährdeten greifen. Und Geld, um auszubügeln, was doch mal schief geht. Hinter allem steht die Sicherheit des ererbten oder erarbeiteten Vermögens, der Immobilie, der Wertgegenstände, die angesammelt werden konnten.
Auf der anderen Seite, drüben, die Geworfenen, die Tumbleweeds, die eine andere Strategie entwickelten, entwickeln mussten: Aushalten. Reagieren. Sich nicht umwerfen lassen von den Unwägbarkeiten des Lebens, die jeden Tag das Erarbeitete, Erhoffte, zunichte machen können. Die wissen, dass es morgen kommen kann wie erhofft oder ganz anders. Das sind diejenigen, die begriffen haben, erfahren haben, was Kontingenz bedeutet. Und deren Strategie eben völlig anders ist als nach Verboten, Regeln und Absicherung zu rufen.
Für diese Menschen ist die Pandemie und die Klimakrise nur ein weiteres Zeichen dafür, dass das Leben verrückte Volten schlagen kann. Die sich zurück ziehen zu den Dingen, die ihnen in solchen Situationen Halt geben: Familie. Freundschaft, Gemeinschaft. Und das, gerade das, wird ihnen weggenommen, weil den Privilegierten der Verzicht heute leicht fällt. Es gibt ja die Zukunft, für die sie arbeiten und die sie freudig erwarten. Verzicht heute, Ernte morgen. Na klar! Wie kann man das anders sehen?
Naja. Man kann. Man tut. Man muss. Nur leider nicht in dem Mainstream der Meinungen in Gesellschaft, Politik und Presse.